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26.08.2019

Lesezeit: etwa 6 Minuten

Johann Gottfried Herder -Deutschlands zeitloser Kulturphilosoph

Das Geburtsjahr eines der überragenden Geistesgrößen unserer Kultur jährt sich 2019 zum 275. Male. Die Rede ist von keinem Geringeren als dem intellektuellen Multitalent Johann Gottfried Herder, der den Völkern ihren kulturellen Ehrenplatz bereitete. „Völker sind Gedanken Gottes“, lautet der wohl meist bekannte Ausspruch Johann Gottfried Herders.

Johann Gottfried Herder (25. August 1744 – 18. Dezember 1803) wurde im ostpreußischen Mohrungen geboren. Dieses durch Wälder und Seen etwas weltabgerückte Städtchen gehört zur binnenpreußischen Landschaft, die ihre Bauern und Bürger aus Mitteldeutschland und Schlesien empfangen hat. 1762 verließ er Mohrungen und ging mit einem ihm wohlgesonnenen Wundarzt nach Königsberg, wo er die Universität besuchte. Von seinem Freund Johann Georg Hamann lernte der geradezu lesefanatische Herder, der bereits in Latein, Griechisch und Hebräisch unterrichtet worden war und begonnen hatte sich Französisch anzueignen, noch die englische und italienische Sprache. Später in Weimar sollte das Sprachgenie noch beginnen, Spanisch zu lernen. 1764 ging er als Hilfslehrer an die Domschule nach Riga. 1769 verließ er Riga und begab sich auf Reisen, wobei er in Frankreich anlandete und sich unter anderem ein halbes Jahr in Nantes aufhielt, aber auch Paris bereiste. Eine geplante Italienreise mit dem Erbprinzen von Holstein-Gottorp brach Herder jedoch vorzeitig ab. Von 1771 bis 1776 hatte er eine Hofpredigerstelle in Bückeburg inne, der Residenzstadt der Grafschaft Schaumburg-Lippe. Am 02. Mai 1773 ehelichte Herder Caroline Flachsland. Am 01. Februar 1776 erreichte Herder das Berufungsschreiben als Weimarer Hofprediger, Oberkonsistorial- und Kirchenrat, Generalsuperintendent und Pastor primarius. Diese Berufung wurde von Goethe und Wieland befördert. Am 20. Oktober 1776 hielt Herder seine Antrittspredigt in Weimar, das auch seine letzte Lebensstation wurde. Er liegt in der nach ihm benannten Stadtkirche in Weimar begraben.

1774 erschien seine Schrift „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“, die mit zu den Haupttexten der europäischen Ideenentwicklung zählt. In dieser Schrift heißt es wegweisend für unsere heutige Zeit des nationsvergessenen Globlisierungsextremismus: „Jede Nation hat den Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich, wie jede Kugel ihren Schwerpunkt.“ Die Befassung mit Herder ist anspruchsvoll, aber gewinnbringend, und dies in vielfacher Hinsicht. Der Kulturhistoriker Michael Maurer schrieb bereits in der Einführung seines 2014 erschienen Buches über Leben und Werk Herders: „Herder ist nicht einfach, aber lohnend.“ Er bezeichnet ihn als nicht einfach, da Herder zu vieles gleichzeitig war und erklärt weiter: „Herder war universal gebildet und schlechterdings zu vielseitig, als daß ihn ein heutiger Mensch nach allen Richtungen hin verstehen könnte.“ Und in der Tat fügt sich Herder nicht in die herkömmlichen Schubladen gängiger Disziplinen, allein schon, indem er neben der Theologie, Philosophie und Literaturgeschichte ebenso in der Pädagogik und der Kulturanthropologie seinen Fußabdruck hinterließ. Der große Denker Herder ist aber alles andere als trocken. Maurer bezeichnet als Herders wesentlichen Beitrag zur Leistung seiner Epoche die „Rückgewinnung der Sinnlichkeit“. Eine lediglich erkenntniskritische Philosophie reichte für Herder nicht aus, da er sich die Ethik nicht losgelöst von der Ästhetik vorzustellen vermochte und somit das Intellektuelle religiös auflud. Seine Sinnlichkeit diente einer höheren Rationalität. In mancherlei Hinsicht kann Herder als der Wegbereiter der Ästhesiologie, d.h. der Lehre von den Sinnen des Menschen gelten.

Aber dennoch war Herder – trotz seiner Religiosität – kein rein vergeistigter Mensch, der dabei weltabgewandt den Realitätsbezug verloren hätte. Ganz im Gegenteil wollte er vielmehr den Menschen in seinen verschiedenen Erscheinungsformen ergründen. Trotz der Einflüsse von Gottfried Wilhelm Leibniz, einem weiteren deutschen Universalgelehrten, sowie englischer und französischer Empiriker war für Herder der Gedanke Kants wichtig, daß die Philosophie zur Anthropologie werden müsse, zu einer Wissenschaft vom Menschen, in deren Mittelpunkt die Kunde vom Volk stünde. Daran änderte auch seine spätere Entfernung von Kant nichts. In seiner schauhaften Erkenntnis ableitender Verfahren gewann Herder ein Gesamtbild der Menschenwelt, die sich ihm im Gesetz ihres Werdens erschloß. Für die Nation erbrachte Herder die insbesondere heute wieder wertvolle, ja geradezu überlebenswichtige Erkenntnis, daß das Volk der Nährboden aller Kulturvorgänge sei, in den Mundarten der wahre Sprachgeist ströme sowie alles Geschehen seine Kraft aus dem Volk und seiner Heimat ziehe. Wer an Herder denkt, kommt nicht am Volksbegriff vorbei. Hierzu schrieb der Herder-Kenner Maurer in seinem weiter oben benannten Buch: „Was verstand Herder eigentlich unter Volk? Er verwendet einen doppelten Begriff: Volk bedeutet für ihn einerseits etwas Soziales, nämlich das einfache Volk, der gemeine Mann, das heißt also die Ungelehrten, nicht durch die Schriftsprache und gedruckte Literatur verdorbenen Leute, vor allem die Kinder, die Frauen und die Landleute. In diesem Sinne gab es das Volk nur im Singular. Auf der anderen Seite bedeutete Volk für ihn einen jeweiligen ethnischen Zusammenhang der Abstammung; in dieser Bedeutung konnte man dann zu Volk den Plural Völker bilden.“ Maurer schreibt überdies an anderer Stelle: „Herders Gesamtdeutung zeigt die organische Entfaltung der Menschheit im Prozeß der Kultur. Man kann auch sagen: Universalgeschichte wird abgelöst durch eine empirische Geschichte als Kulturgeschichte.“

Im Gegensatz vieler großer Geister seiner Zeit verschrieb sich Herder nicht ausschließlich der mediterranen Antike, sondern tauchte immer tiefer in die nordisch-gotische Welt ein. Nichtsdestotrotz gab er das lyrische Werk des wohl begabtesten Barockdichters – dem heute bedauerlicherweise weitgehend wieder in Vergessenheit geratenen Jakob Balde -, der aufgrund seines vollendeten Lateins sowie des Umfangs seiner Werke den Beinamen eines deutschen Horaz erwarb, in stilvollen deutschen Versen wieder. Ab 1793 übersetzte Herder etwa 200 Oden Jakob Baldes und empfahl dann 1795/1796, in Anlehnung an eine der neun Musen, unter dem Titel „Terpsichore“ – zu deutsch soviel wie die Reigenfrohe – seinen Landsleuten den deutschen Horaz als genialen Dichter aller Deutschen. Dies ist insofern bedeutsam und erwähnenswert, weil noch 1767 Herder, der Verfechter der Sprachen der Völker schlechthin und bewußt deutsch schreibender Literat, hart mit sogenannten neulateinischen Nachahmern ins Gericht ging. Doch für diesen formvollendeten Lateinvirtuosen des 17. Jahrhunderts gelten wohl zurecht eigene Gesetze. Denn selbst Goethe äußerte sich gegenüber Charlotte von Kalb wie folgt über Herders Verdienst, den deutschen Horaz wieder aus dem Vergessen gerissen zu haben: „Wer die Poesie liebt und die Menschheit ehre, müsse an diesem vergessenen Landsmanne Gefallen finden.“ Herders Sinn für das Schöne ließ bei aller Hinwendung für die deutsche Sprachpflege dennoch besonders stilvoller Ausdrucksästhetik in anderen Sprachen ebenso vollste Wertschätzung zukommen.

Herder bestimmte das Schöne als wirklichen Ausdruck des Seins, nannte Form und Inhalt, Erhabenes und Schönes eine untrennbare Einheit, feierte die Natur als vernunftvolle Künstlerin, den Menschen als höchstes Kunstgeschöpf und bezeichnete die Kunst als das Streben des Menschen, die Natur sich und sich der Natur harmonisch zu machen. Auch dort, wo man sich nicht explizit auf Herder berief, ließen sich die Schlegel-Brüder ebenso wie die Gebrüder Grimm von Herder anregen, ging Wilhelm von Humboldt in seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten in den Spuren Herders weiter oder wäre vermutlich auch ein Hegel ohne die vorangegangene philosophische Bearbeitung der vorliegenden Geschichtsbestände nicht der geworden, der er wurde. „Herders Impulse waren quasi anonym in die Masse des Denkens eingegangen“, formulierte es Goethe.

Indem die Masse sich zunehmend des Denkens unfähig bis zuweilen unwillig erweist, drohen Herders für das Volksbewußtsein so wichtigen Impulse jedoch zunehmend verloren zu gehen, weshalb insbesondere ethnonationalistischen Kreisen gut zu Gesicht steht, anläßlich des 275. Jahrestags seiner Geburt zur geistvollen Auseinandersetzung mit Herder aufzufordern.

Sascha A. Roßmüller

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